Donnerstag, 4. Februar 2016

HIC SUNT LECTORES – Über den Sinn und Unsinn eines Lektorates im Selfpublishing


Da sich zur Zeit alle Welt an dem Thema »Lektorat -- ja oder nein?« aufhängt, habe ich mich entschieden, nun ebenfalls meinen Senf dazu zu geben. Einerseits bin ich der Meinung, dass kein Text unkorrigiert auf die Welt losgelassen werden sollte, andererseits sehe ich das Problem, dass ein Lektorat, das seinen Namen wirklich verdient, von vielen finanziell kaum darstellbar sein wird.

Ich habe nun schon fünfzehn Jahre Erfahrung im Redigieren und Bearbeiten von Texten. Als Redakteur einer wirtschaftlich-politisch/technischen Zeitschrift ist mir schon jeder Schreibstil vom geschliffenen Agenturtext bis zur Stichpunkteliste eines Maschinenbauingenieurs über den Tisch gelaufen. Insofern weiß ich, dass es Leute gibt, die der Hilfe beim Verfassen von Texten dringend bedürfen. Das gilt auch und besonders für Selfpublisher. Nun mag ich mich aber nicht gerne auf die eine oder andere Seite schlagen, sondern bin immer dafür, die Sache etwas differenzierter zu sehen:

PRO


Der Bedarf an professioneller Unterstützung für Autoren folgt einer Gaussschen Normalverteilung, d. h. es gibt einige wenige, so wie Anja Bagus (die ich sehr dafür achte), die es allein hinkriegen, dann gibt es die große Masse, denen ein Lektorat weiterhelfen kann und schließlich gibt es noch die Wenigen, bei denen auch ein Lektorat nicht mehr helfen würde.

Leider bestimmt dieser Rattenschwanz verlorener Seelen die Wahrnehmung der Öffentlichkeit, jedenfalls, wenn man die Indie-Szene betrachtet. Wenn wieder einmal gegen das Selfpublishing geschossen wird, so kann man fast sicher sein, dass einer dieser unlesbaren, von völlig talentfreien Menschen in die Tastatur gepressten Texte aus der Versenkung hervorgezogen wird, um zu demonstrieren, wie übel es doch ohne eine Kontrollinstanz um den Buchmarkt bestellt ist. Die Folge: In den Köpfen setzt sich fest: »Selfpublishing ist Schund!«

Ein Lektorat oder wenigstens ein Korrektorat kann ein Werk vor den gröbsten Schnitzern bewahren. Insofern würde ich jedem der die Gelegenheit hat, raten, ein solches wahrzunehmen. Ein Lektor kann natürlich auch keine Wunder vollbringen, aber er kann jeden halbwegs ordentlich geschriebenen Text sowohl inhaltlich/logisch als auch in Bezug auf die Orthographie aufwerten (Die meisten Lektoren machen stillschweigend nebenher auch ein »Korrektorat«, d.h. sie achten auch auf die Rechtschreibung des Textes.).

Nun kann man sich fragen: »Was soll das? Lesen kann doch jeder und schreiben hab ich in der Schule gelernt. Warum soll ich dafür bezahlen?«

Ganz einfach: Es besteht ein Unterschied zwischen Lesen und Korrekturlesen.

Wenn man so wie ich lange Zeit damit verbracht hat, die Fehler und Ungereimtheiten in Texten zu finden, bekommt man ein ganz anderes Gespür dafür, was »geht« und was nicht. Das ist wie bei einem trainierten Spürhund, der seine Beute auch im tiefsten Dickicht aufspüren kann. Konkret heißt das, dass ich zum Beispiel an keinem noch so schlichten Text vorbeigehen kann, ohne die Fehler im Text, auf der semantischen Ebene, der Typographie oder im Layout zu sehen (Eines meiner liebsten Beispiele ist die Stilblüte, die einige Zeit lang auf den Packungen einer bekannten Keks-Marke stand: »Recyclinghinweis: Flachgelegt gehöre ich ins Altpapier!« – Es war kein Schelm, der sich das ausgedacht hat, aber man kann Arges dabei denken...).

Wie aber läuft so ein Lektorat konkret ab? Wenn ich ein Manuskript bekomme, gehe ich dieses durch und korrigiere alle Fehler, die ich finden kann. Zudem mache ich an Stellen, wo ich auf logische Fehler oder andere Ungereimtheiten stoße, Anmerkungen, wie diese Probleme zu beheben sein könnten. Manchmal schlage ich auch vor, ganze Absätze zu streichen oder zu verschieben, falls diese an der entsprechenden Stelle nicht passen. Manchmal ist es aber auch nötig, dem Text etwas hinzuzufügen, damit die Logik und Kontinuität des Textes gewahrt bleibt.

Dabei ist immer wichtig, zu bedenken, dass es NIE darum geht, dass ich meine eigene Vorstellung davon, wie der vor mir liegende Text zu sein hat, durchdrücke, sondern darum, dem Autor Vorschläge zu machen, wie er seinen Text besser machen kann. Ich greife zwar in den Text des Autors ein, aber es bleibt immer SEIN Text. Insofern hat das Lektorieren mehr einen therapeutischen als einen technischen Charakter. Ich bin der Berater des Autors, nicht sein Anweiser.

Das ist letztendlich die Dienstleistung, für die man den Lektor bezahlt.

KONTRA


Andererseits kostet so ein Lektorat eine Menge Geld. Da kommt man schnell auf ein Kostenlevel, das ökonomisch für einen kleinen Autor nicht mehr darstellbar ist. Die Rechnung ist dabei ganz einfach: Die Wahrscheinlichkeit, dass man Exemplare in ausreichender Menge verkauft, um das Lektorat und andere Dienstleistungen (Layout, eBook-Erstellung etc.) wieder hereinzuholen, ist nicht sehr groß. Das liegt darin begründet, dass man alle Dienstleistungen anteilig auf den Buchpreis umlegen müsste. Dadurch steigt der Preis für das Exemplar bei einer für ein selbstveleges Buch typischen Auflage von 300-500 Stück so hoch, dass das Buch wesentlich teurer wird als der Durchschnittspreis, der im Selfpublishing üblich ist. Damit wird aber auch das Buch nicht gekauft und die Ratte beißt sich in den Schwanz.

Ein Grund für die prekäre Lage, in der sich Autoren und Lektoren befinden, ist darin zu suchen, dass das Buch von den Kunden inzwischen als Commodity (Eine Ware, die sich von anderen Büchern nur durch die Menge und den Preis absetzt.) gesehen wird. Wer kennt nicht die Posts, in denen es heißt, »Ich habe wieder 20+X Bücher bei Rebuy gekauft!« Es ist also schwierig, das Geld, welches man in ein Lektorat investiert, auch wieder hereinzuholen.

Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass es für die Lektoren schwierig wird, von Selfpublishern Preise zu verlangen, die wirtschaflich angemessen sind. Das ist einer der Gründe für mich, meine Fähigkeiten nicht regelmäßig als Lektor im Nebenverdienst, sondern nur gelegentlich ausgewählten Freunden und Bekannten anzubieten (und dann im Wesentlichen auf Gegenseitigkeit). Das Geld, was die Autoren in der Regel zu bezahlen bereit sind, wiegt den Arbeitsaufwand (ca. 30 Stunden für ein 300-Seiten-Buch), den ich damit habe, nicht auf.

Deshalb kann ich jeden Selfpublisher verstehen, der sagt, »Ich kann mir im Moment kein Lektorat leisten!« Letztendlich läuft es ganz unideologisch auf die Frage hinaus, ob sich die Kosten wirtschaftlich darstellen lassen. Man muss jetzt allerdings nicht glauben, dass man (zumindest was Klein(st)verlage betrifft) als Verlagsautor garantiert besser fährt. Mir sind Verlage bekannt, die ihren »Lektoren« eine Pauschale von 50 Euro pro Buch bezahlen. Das sind dann meistens Studenten, die sich ein Zubrot verdienen oder verzweifelte Seelen. Wie gut so ein Lektorat ausfällt, kann man sich denken.

Nun bleibt noch eine Frage: Was kann man tun, wenn man sich ein Lektorat, dass diesen Namen verdient, schlicht nicht leisten kann?

Eine Möglichkeit ist, sich mit anderen Autoren zusammenzutun und gegenseitig die Texte der Anderen zu redigieren. Gut ausgewählte Testleser können ein Lektorat zwar nicht ersetzen, sind aber ein möglicher Behelf. Wichtig ist dabei, dass man sich Personen sucht, die nicht nur ein Geschmacksurteil abgeben, sondern auch auf die technische Seite des Textes achten.

Man kann sich mit anderen Autoren zu einem Kollektiv zusammenschließen, um gegenüber den Lektoren bessere Angebote machen zu können, indem man zum Bespiel Bündelangebote macht (Im Sinne von »Wir sind ein Kollektiv von X Autoren, mach uns ein gutes Angebot und du bekommst von uns allen Lektoratsaufträge.« – Es geht nichts über eine Reihe gesicherter Aufträge). Das kann soweit gehen, dass man eine Autorengenossenschaft gründet, die neben dem Lektorat auch noch andere Dienstleistungen günstiger einkaufen kann (z. B. Layout, Cover usw.).

Ein Lektorat ist hilfreich, wenn man es sich leisten kann

Welches Fazit möcht ich nun, wo wir zum Schluss des Artikels kommen, ziehen? Ein Lektorat wird für die meisten Selfpublisher sinnvoll sein, aber man muss sehen, dass die Kosten, die es verursacht, auch wieder hereingespielt werden. Bei vielen wird das nicht der Fall sein, insofern ist es von Bedeutung, hier Alternativen zu finden, die das fehlende Lektorat zumindest teilweise kompensieren können. Ein fester Stamm von Test- bzw. Korrekturlesern, die mehr können als zu sagen »gefällt mir« oder »gefällt mir nicht« ist dabei ein guter Anfang.

1 Kommentar:

Bernd Badura hat gesagt…

Hm, insgesamt ist dem Artikel schon zuzustimmen, gibt aus meiner Sicht aber noch ein paar Ergänzungen und auch ein paar Punkte, in denen ich dir ein wenig wiedersprechen muß.

Es gibt auch Grö(s)stverlage, die bei einigen Büchern kein (gutes) Lektorat durchführen. Bei Massenware (meist erotischer Natur) gibt es Bücher, die zum haareraufen sind, oder darum sich über das Buch und die Qualität des Verlages im allgemeinen lustig zu machen. Sorry, aber dieser Verlag gibt damit automatisch zu, daß es ihn nicht um literarische Qualität, sondern um Gewinnmaximierung geht. Schlimm wenn Literatur nur noch als Ware wahrgenommen wird, und Bücher zum seelischen arschabwischen den Markt überfluten und so den Blick auf gute Bücher durch den Nebel des Massenbullshits verschleiern. Dies sage ich jetzt übrigens als Leser udn kulturinteressierter Mensch, nicht als Autor.

So:
Zum Thema Lektorat.
Ja, du hast Recht, so wie du ein Lektorat auffaßt, ist es immer sinnvoll, selbst für Autoren, die eigentlich kein Lektorat nötig haben. Da man so ja auch ein Korrektorat durchführt. Und Reckstreibvehler macht jeder Autor, selbst die, die kein Lektorat nötig haben. Aber es gibt ja auch die andere Art Lektor. Die, die meint ein allumfassendes Literaturpapstverständnis zu haben und (teils vielleicht sogar zu Recht) massiv in die Texte des Autors, seine Art zu denken und zu schreiben, eingreifen. Sie wollen sich halt nicht auf den Autor einstellen, sondern, daß der Autor ihre Art Literatur zu verstehen übernimmt. So eine Art Lektor kann einen massiven Schaden an der Literatur anrichten. Denn gute Literatur ist Kunst, Kunst ist Vielfalt und wird von solch einfältigen Charakteren en Gros ausgebremst.
Na Danke, soetwas braucht ken Mensch!

Wünsch dir was, mach weiter mit deiner tollen Arbeit
Bernd